Körperkontakt zwischen Eltern und Kind
ein Baby möchte getragen werden -
Franz Renggli, Basel
Es gibt bei den Säugetieren zwei Formen der Jungtierentwicklung, der Mutter-Kind-Beziehung: die Nestflüchter und die Nesthocker. Bei den Ersteren bewegt sich das Jungtier sofort nach der Geburt in der Art der Erwachsenen fort und folgt der Mutter, d.h. ihrer Herde überallhin nach, z.B. bei den Büffeln oder Pferden. Bei den Nesthockern umgekehrt kommen die Jungtiere - es sind immer mehrere - ohne Fell und mit geschlossenen Augen auf die Welt: sie werden von der Mutter in einem Nest grossgezogen, z.B. bei Mäusen oder Katzen.

Ganz anders ist die Situation bei den Affen, unseren nächsten Verwandten: hier ist die Mutter das "Nest". Das Jungtier klammert sich mit Händen und Füssen am Fell der Mutter fest und wird in der ersten Lebenszeit von ihr ununterbrochen herumgetragen. In dieser beruhigenden Situation des Körperkontaktes ist ein Affenbaby meistens ruhig - beginnt es umgekehrt zu weinen oder zu wimmern, reagiert die Mutter sofort. Und dies ist biologisch auch sinnvoll: verliert ein Baby beispielsweise einen Griff mit seinen Händen oder mit seinen Füssen, ist es vom Tod bedroht, denn die Affen bewegen sich meist auf den Bäumen.

Der Mensch hat sein Fell vor ca. 4-5 Millionen Jahren verloren, als er den Urwald verliess und in die trockenen Savannen und Steppen Afrikas vordrang. Trotz dieser enorm langen Zeitdauer kommt ein menschliches Baby auch heute immer noch mit geschlossenen Händen und Füssen auf die Welt: es könnte sich am "Fell" seiner Mutter festhalten. Dieses "Wissen" und Empfinden haben alle ursprünglichen Völker und tragen deshalb ihr Baby ununterbrochen herum - und nachts schläft es auf dem nackten Körper der Mutter. Alle Beobachter sind immer wieder darüber erstaunt, wie ruhig die Babys in dieser offensichtlich beruhigenden Situation des Körperkontaktes mit der Mutter oder mit einer anderen Betreuerperson sind. Bei diesen ursprünglichen Kulturen, so muss allerdings betont werden, sind es meist 10-20 Personen, die sich in der Pflege eines Babys abwechseln. Es gibt in einem Kleinkind somit ein archaisches Bedürfnis nach Körperkontakt oder umgekehrt eine ebenso archaische Angst, wenn es diesen Körperkontakt verliert.

Alle Hochkulturen zeichnen sich durch eine frühe und konsequente Trennung von Mutter und Kleinkind aus. Dabei gilt: je höher die Kultur, desto früher und radikaler die Trennung - offensichtlich eine emotionale Anpassung an das entfremdete Leben in den Städten. Ein Kern von Angst und Panik wird damit grundgeprägt in jedem Menschen. Umgekehrt ist dies auch die ewige Quelle all unserer technischen Neugier und künstlerischen Kreativität: eine atemberaubende Schönheit, die wir über die ganze Welt zerstreut bewundern können.

Mutter und Baby werden in den Hochkulturen seit Jahrtausenden getrennt. In den 70er Jahren haben Mütter in unserer Kultur angefangen ihre Babys wieder zu stillen, vermehrt auf dem Körper herumzutragen, ja unter Umständen darf ein Baby des nachts schon wieder im Bett der Eltern schlafen. Es darf dadurch wieder den beruhigenden Körperkontakt mit seinen Eltern spüren. Und ideal ist es, wenn die Eltern sich in dieser Tätigkeit abwechseln und gleichzeitig noch mindestens zehn weitere Personen zu ihrer beiden Entlastung mithelfen - wie in den ursprünglichen Kulturen. Denn je sicherer ein Baby an seine Mutter gebunden ist, desto schneller ist es bereit, Beziehungen und Bindungen auch zu anderen Menschen einzugehen. Ein Jahrtausende alter Prozess der Entfremdung zwischen Mutter und Kleinkind wird - von alternativen Eltern heute - in sein Gegenteil umgewandelt: einem Baby wird die Nähe wieder gewährt, die es sich so heftig wünscht und braucht. Dieser "Heilungsprozess" in unserer Kultur ist schon so weit gediehen, dass Mutter und Baby in fortschrittlichen Kliniken nach der Geburt nicht länger voneinander getrennt werden.

Ist eine Mutter, sind Eltern durch einen solchen Prozess nicht emotional überfordert? Denn wir selber haben als Baby diese Nähe so nie spüren dürfen. Erstens sollte eine Mutter ihr Baby nur soviel herumtragen, wie es ihr entspricht und ihr Körper es verträgt. Zweitens sollte sie soviel Hilfe und Unterstützung von aussen holen, wie sie braucht. Was nützt es dem Baby, wenn die Mutter immer für es da ist und am Ende des ersten Lebensjahres "depressiv" zusammenbricht. Die wichtigste Aufgabe einer Mutter besteht somit darin, sich selber gut zu schauen, sich selber eine gute Mutter zu sein. Wenn es ihr gut geht, spürt ein Baby dies sofort.

Es kommt aber noch ein dritter und wichtiger Gesichtspunkt hinzu: bei Eltern mit einem Baby, ja gar schon während der Schwangerschaft werden ihre alten Traumata und Verletzungen wieder geweckt. "Das eigene weinende Baby" in ihnen - denn sie selber haben als Kleinkinder weinen und schreien müssen. Solche Eltern haben die Chancen ihre eigene "depressive" Seite, ihre Schattenseite, all ihre eigenen alten Verletzungen und Traumata, verbunden mit Trauer, Verzweiflung und Wut einmal zu entdecken und dadurch zu befreien. Geweckt durch das Weinen ihres Babys. Solche Eltern wollen nicht länger ihre Kinder erziehen, sondern die Kinder werden zu den grossen "Lehrmeistern" der Eltern. Und als Therapeut für Babys und seine Familie möchte ich festhalten: Jede Träne, die es weint - im Körperkontakt mit dem Vater oder der Mutter - bedeutet eine Heilung. Es ist aber auch eine potentielle Heilung für die Eltern selbst, wenn sie nur genügend einfühlsam in sich selber hineinhorchen, ihren eigenen Körper spüren und was das Weinen ihres Babys bei ihnen selbst auslöst. Ein Kleinkind ist somit eine grosse Chance für alle Eltern, sich selber zu heilen! Wichtig bei diesem Prozess ist, dass Mutter und Vater füreinander eine genügend gute emotionale Stütze sind oder dass sie sich beide diejenigen Ressourcen mobilisieren können, die sie brauchen: Freundschaften, Tätigkeiten, ihre Kreativität oder Spiritualität, welche ihnen Freude bereiten, ihnen Kraft geben oder ihrem Leben Sinn verleihen.

Ein letztes zu den Schreibabys, die viel weinen müssen und ihre Eltern dadurch unter Umständen an den Rand der Erschöpfung führen können. Babys mit drei Monatskolliken oder Babys mit irgendwelchen Erkrankungen, Babys nach einer schwierigen Schwangerschaft und Geburt. Solche Eltern sollten nicht länger einfach ausharren, bis das Weinen eines Tages von selber schwächer wird und schliesslich aufhört. Denn solchen Babys und seinen Eltern kann heute geholfen werden - auf ganz verschiedene Art und Weise. Solche Eltern sollten sich nicht scheuen, professionelle Hilfe für sich und ihr Baby in Anspruch zu nehmen. Meist schon bringt eine erste Behandlungsstunde eine wichtige und grosse Erleichterung für das Baby und die Eltern.

Franz Renggli
Körperpsychotherapeut, Baby- und Familientherapeut
spezialisiert zur Auflösung des Geburts- und des Schwangerschaftstraumata
und entsprechende Weiterbildungen
Autor verschiedener Sachbücher über die frühe Eltern-Kind-Beziehung
Nonnenweg 11, 4055 Basel
Tel. 061 271 62 32
www.franz-renggli.ch